Von Leihstimmen, traurigen Schwarzen und rotem Stuhl

Vor einiger Zeit gab es eine bemerkenswerte Kampagne eines Möbelhauses. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber am Ende sagte ein bayrisch sprechender, dicker Mann: „Die mit dem roten Stuhl“. Am letzten Wochenende hat dieser Satz auf wundersame Weise neue Bedeutung erhalten. Denn es war letztlich ein roter Stuhl im niedersächsischen Landesparlament, der einer neuen Landesregierung den Weg ebnete und einen schwarzen Schotten traurig zurückließ.

Trotz des knappen Ausgangs ist die politische Entscheidung an sich für uns eigentlich keine Nachricht wert. Pingu-Mania hat schon vor langer Zeit den Unsinn der Landtagswahlen angeprangert und sich für die Abschaffung aller Bundesländer stark gemacht. Auch diese Wahl zeigte einmal mehr, warum das nötig ist. Denn was dem Wähler zur Auswahl stand, wirkte letztlich wie eine Politparodie der seelig-launigen Herzblatt-Zusammenfassungen: So lieber Wähler, jetzt musst Du Dich entscheiden: „Möchtest Du Stephan, den blassen Stadtverwaltungschef, der seinen eigenen Namen zum politischen Dauer-Running-Gag und Wahlprogramm hochstilisiert hat („Wählen Sie Weil denn Weil klingt geil“ – oder so ähnlich.). Oder möchtest Du David, den schottischen Clan-Führer (Eigenwerbung CDU), der sich selbst für ein Apple-Produkt hält und mit seiner vorinstallierten Händeschüttel- und Grinse-App Schwiegermütter zum Schwärmen bringt.“ Eben, man kann Nichtwähler irgendwie immer besser verstehen.

Politik als Produkt: Der Ministerpräsident
schafft keine Jobs sondern hält sich für selbigen.

Viel interessanter sind bei dieser Wahl mal wieder die kleinen Randthemen. Da wäre zum Beispiel unser Unwort der Woche, die „Leihstimmen“. Von diesen sollen ja über 100.000 von der CDU an die FDP transferiert worden sein, womit man die liberalen Lazarett-Patienten überraschend am Leben hielt und sich selbst letztlich die Regierung klaute. Geschenkt, was das Ganze jetzt für den Wahlausgang bedeutet hat, und ob sich die FDP vielleicht ein bisschen zu viel gefeiert hat. Viel interessanter ist, dass mit dem Wort „Leihstimmen“ die Politik mal wieder gezeigt hat, was sie vom Wahlvolk hält.

Es gibt ja Politiker, die von „den Wählerinnen und Wählern“ sprechen, andere von „Bürgerinnen und Bürgern“, manche gar vom „Souverän“. Je blumiger und unterwürfiger diese Beschreibungen klingen, desto sicherer kann man aber sein, dass der Absender das Volk für vernachlässigbare Vollidioten hält. Die Leihstimmen-Diskussion ist dafür wieder ein wunderbarer Beleg. Denn wie zur Hölle kommt die CDU auf die Idee, dass ihr irgendwelche Stimmen gehören würden, die sie der FDP leihen könnte? Unsere Gedankenwelt mag köstlich naiv sein, aber wir gingen bisher immer davon aus, dass die Stimmen dem Wähler gehören und dieser sie nach seinem Gusto verteilen könne. Es mag ja sein, dass der ein oder andere CDU-Funktionär mehr oder weniger verschwurbelt zur Zweitstimmenabgabe für die FDP aufgerufen hat und dass die Liberalen sich daran konsequent angehängt haben. Aber so ist das Leben – warum sollte ein Wähler mit Erst- und Zweitstimme nicht eine Koalition unterstützen? Wer daraus aber macht, die CDU habe IHRE Stimmen an die FDP verliehen, hält den Wähler für vollkommen bescheuert oder für überflüssig. Denn nach dieser Lesart sind Wählerstimmen Eigentum der Parteien und der Wähler darf am Wahlabend gespannt verfolgen wie die Parteien diese Stimmen unter sich aufgeteilt haben.

Das Gejammere der Union lenkt von einem ganz einfachen Fakt ab: Nicht die FDP hat zu viele Stimmen, sondern zusammen mit der FDP hat die CDU zu wenig. Das Ganze ist so, als würde man vergessen zu tanken und wenn man dann liegen bleibt, den Beifahrer beschimpfen, dass er zu schwer gewesen ist. Die CDU sollte sich lieber Gedanken über ganz andere Leihstimmen machen: 2008 erhielt sie 42,5% der Stimmen, diesmal 36,0%. Ja, die fehlenden 6,5 Prozentpunkte – das waren Leihstimmen. Leihstimmen des Souveräns – und die wurden jetzt nach fünf Jahren Laufzeit zurückgefordert. Wählerinnen und Wähler können grausame Gläubiger sein.

Wie man hört, müssen sich nun viele CDU-Minister und Funktionäre neue Jobs suchen, da ihnen neben dem Amt sogar ihr Landtagssitz abhanden gekommen ist. Unser Vorschlag: Sollen sie es doch machen wie gefallene Schlagergrößen und öfter mal bei einer Möbelhauseröffnung auftreten. Da kommt die Leihstimme ganz bequem vom Playback-Band. Und ein roter Stuhl hat plötzlich auch für einen Schwarzen was Gutes.

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2 Antworten zu Von Leihstimmen, traurigen Schwarzen und rotem Stuhl

  1. Pingback: Alarm für Cookie 11 – der Keksraub von Hannover | Pingu-Mania

  2. mac dreamy schreibt:

    great!!

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