Laterne gehen – der Fackelzug der erziehungsberechtigten Kampfbrigaden

Etwa im Jahre 334 n. Chr. teilte ein Soldat in der Nähe von Amiens seinen Mantel mit einem Bettler und löste damit eine Ereigniskette aus, die mir heute den Sonntagabend versaute. Machen wir es nicht zu spannend. Der Soldat war Martin von Tours, später Bischof der gleichnamigen Stadt, heute Heiliger und Namenspatron des 11. Novembers. Ich heiße auch Martin und hatte heute das Vergnügen, an einen Laternenumzug teilzunehmen, der ihm zu Ehren veranstaltet wurde:

Bereits der Weg zur Veranstaltung deutet Unheil an. Meine beiden Kinder erfreuen sich geradezu grenzenlos an ihren Laternen. Dies hält in etwa zehn Meter, dann geben sie ihre Leuchtvögel am Spieß vertrauensvoll in meine Obhut. Ich habe kein Problem damit, Dinge für meine Kinder zu tragen. Ich frage mich in diesem Moment nur, wieso wir eigentlich hier draußen sind. Ich habe keine Lust auf „Laterne gehen“ (wie es kindgerecht grammatikatastrophal heißt) und meine Kinder offensichtlich auch nicht.

Wir sparen uns deshalb den größten Teil des Umzuges und steuern direkt den Zielplatz an, der noch völlig leer ist und mit seiner Glühwein-Kakao-Bude friedlich und einladend aussieht. Also einen Glühwein für meine Freundin und drei Kakao für mich (ich muss noch fahren) und die Kinder. Der Kakao kommt direkt aus einem Thermo-Behälter und hat die Temperatur von frisch ausgetretener Lava. Ich sage „Vorsicht, sehr heiß, bitte noch nicht trinken.“ Als Antwort darauf sieht mich meine Tochter verstehend an, nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Becher und beginnt hysterisch zu schreien. Bei der Erstversorgung kippe ich mir den Inhalt der restlichen Becher über die Hand. Bis hierhin ein ganz normaler Familiensonntag.

Als ich jedoch mit neuen Getränken zu meiner Familie zurückkehre, wird der Platz vom ankommenden Laternenumzug geflutet. Die gute Nachricht zuerst: die Frauenquote ist im Kirchenumfeld bereits Realität: der vorausreitende heilige Martin auf dem Pferd ist eine hübsche Blondine. Doch ansonsten besteht der Zug einfach aus viel zu vielen Menschen, die sich wie Pogo-Azubis an mir vorbeidrängeln. Ich habe drei kernschmelzenheiße Becher Kakao in der einen Hand, die zwei Laternen in der anderen, ein Kind zieht an meinem Bein, das andere verschwindet im Gewirr der Vorbeimarschierenden. Mir kommt ein neuer Getränkewunsch in den Sinn: Ich hätte gerne einen Glühwein mit Fangschuss.

Das eigentliche Problem an dieser Veranstaltung besteht aber darin, dass nur Eltern mit Kindern daran teilnehmen. Wir wissen seit Paracelsus, dass in zu hoher Dosis alles unverträglich wird. Für Eltern gilt das besonders. Allein einer Herde Eltern dabei zuzuhören, wie sie ihre Kinder für die Wunder der Welt begeistern, ist eine Zumutung, die sich kein Folterknecht besser ausdenken könnte. Im Einzelfall ist dies höchst lobenswert, doch ein zigfaches „Ist das nicht toll“, „Schau doch mal, das Pferd“ oder „Möchtest Du noch einen Kakao“ summiert sich in seiner affektierten Tonhöhe im Gehörgang zu einer Mischung aus Fingernagelkratzen und Zahnarztbohrer. Mit Eltern verhält es sich eben so ähnlich, wie es Tommy Lee Jones in „Men in Black“ unübertroffen für die Menschheit insgesamt formulierte. Also frei nach Tommy: „Ein Elternpaar mit Kind ist sympathisch, hundert Elternpaare sind hysterische, rücksichtslose, zu allem fähige Tiere.“

So kommt es auch, dass bei einem Fest mit christlichem Hintergrund Umgangsformen herrschen wie im Loveparade-Tunnel in Duisburg. Nachdem meine Kinder mehrfach angerempelt, weggeschoben und von Streitwagen Kinderwagen erfasst werden, nehme ich mir vor, meine Verhaltensweisen anzupassen und dem nächsten Rempler kommentarlos die Laternen ins Auge zu rammen. Doch soweit kommt es nicht. Es kommt schlimmer: Das erste Kind hat den Gaul der blonden Martina von Tour angefasst. Sofort beginnt ein hundertstimmiges Winselkreischen, das ein bisschen wie „Ich will auch das Pferd streicheln“ klingt. Eine weitere Sekunde später hat sich um das Pferd eine Menschentraube gebildet, gegen die die Essenausgabe in einem Flüchtlingslager einladend wirkt.

Natürlich will meine Tochter auch das Pferd streicheln. Ich stelle mich an und habe deshalb genug Zeit, über das Pferd nachzudenken. Es muss eine Polizei-Eliteausbildung haben und sonst mit Hooligan-Horden konfrontiert sein, denn ansonsten hätte es in dieser Situation längst die Flucht ergriffen. Kinder grabschen in sein Fell und rennen kreischend herum, davor baut sich die elterliche Sorgerechtsstaffel auf, gestikulierend, die Umgebung abscannend, kurze Anweisungen blaffend, Erziehungs-Eventmanager bei der Arbeit. Als wir nach gefühlten Stunden schließlich das Pferd erreichen, greift meine Tochter einmal in die Mähne und verkündet dann gelangweilt: „Ich will nach Hause.“ Zum ersten Mal an diesem Abend sind wir einer Meinung.

Ich habe mich fast die ganze Zeit gefragt, warum wir diesen Sonntagabend nicht einfach gemütlich auf der heimischen Couch verbracht, wohltemperierten Kakao getrunken und in Zimmerlautstärke Geschichten vorgelesen haben. Wir alle hätten mehr davon gehabt. Doch erst auf dem Rückweg, als ich um ein Haar in die zurückgebliebene Pferdescheiße getreten wäre, wurde mir klar: Das wäre der historisch-religiösen Dimension des Tages nicht gerecht geworden. Denn was lehrt uns die Geschichte des heiligen Martin: Sich für andere zurückzunehmen, zu frieren, wenn man es warm haben könnte, zu leiden, ohne zu wissen, was man dafür bekommt.

Das habe ich. Noch nie habe ich diesen Tag so bewusst begangen. Noch nie habe ich mich so erhaben gefühlt. Ich spreche mich hiermit selbst heilig: Ich bin der eilige Martin von Tortour.

Quelle: Bundesarchiv/Wikipedia

Rabimmel, rabammel, rabumm: Eltern feiern mit ihren Kindern beim Laternegehen den Martinstag (Abbildung ähnlich, nur leicht veraltet).

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8 Antworten zu Laterne gehen – der Fackelzug der erziehungsberechtigten Kampfbrigaden

  1. gert rude schreibt:

    das bild ist mir aber zu herb, ehrlich!

  2. gert rude schreibt:

    wat simma froh, dassa daheim bliebn sin un geschichdn glesen ham!

    aber im ernst herr de tortour – grandios.
    und so wahr. die erste welle eines längeren lachsets erreichte mich in der zeile zur ausbildungssituation des gauls, – und über das ende müssen wir garnicht sprechen. wie lebensklug und weise!

    dabei fällt mir eine kleine anekdote ein, in welche ebenso deine reizenden kinder eingebunden waren: neulich…

    … an der kasse des supermarktes:

    sie, er und ich füllen den wagen, die kleinen drei singen auf der bank hinter der kasse. während die kassiererin bemüht höflich lächelt (nachdem die kleinen drei schon die ersten regale leergeräumt haben, heulend auf dem boden lagen und die absperrungen als gymnastikstangen benutzt hatten – okay, etwas wahrheit ist dabei), spricht ein mann in einem, – ja entspannten freizeitoutfit (nicht mehr ganz sauber, löchrig..) die „wahrheit“ aus, während er ca. 18 astra in richtung scanner schiebt: „da kann man ma sehn, wo der fortpflanzungstrieb hinführt!!“

    lange nicht mehr so gelacht.

    konter, die mir mit und anderen später einfielen: „gut, dass manche von diesen ‚rotzgören‘ zu solchen wohlriechenden vorbildern heranwachsen wie sie“, „sie üben aber harte selbstkritik“, „gut, dass sie von solchen trieben offensichtlich verschont geblieben sind“.

    weitere nehme ich gerne entgegen.

    hatte ich schon erwähnt, dass wir mit dem einkaufswagen eines anderen ladens einkauften, um später strategisch klug, selbige später dort auf den parkplatz zu fahren und in euer auto zu verfrachten?hat sicher in das bild des menschenfreundes an der kasse gepasst!

    herzlichst, gr

  3. Anni schreibt:

    Habe herzlich gelacht. Wunderbarimmelrabammel.

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