Von Prost!estkultur und Schwachstrom-Ökos

Mögen Sie Bio? Es gibt eine Kieselalge, die unter Zuhilfenahme von Sonnenlicht Bromcyan produziert, eine Substanz, die im ersten Weltkrieg als Giftgas eingesetzt wurde. Damit tötet sie ihre Rivalen um sonnige Rastplätze und macht es sich anschließend gemütlich. Das ist Bio.

So was ähnliches ist Bionade. Dieses Produkt war lange Zeit so etwas wie flüssiges gutes Gewissen. Die Brause mit dem Logo französischer Kampfflugzeuge ermöglichte verzichtslosen Weltrettungskonsum und das Reinwaschen der sich schuldig fühlenden Materialistenseele in einem. Die meisten Trinker wussten zwar nicht mal was das Wort „fermentiert“ auf dem Etikett bedeutete, doch alle waren beseelt vom Gedanken, mit jedem Schluck aus der Pulle den Meeresspiegel ein Stückchen zu senken. Dann kam Doktor Oetker – und aus dem Weihwasser wurde wieder Limo. Dass nun vor knapp zwei Wochen die Gründer ihre letzten Anteile an den Lebensmittelmulti verscherbelten, war für viele Ex-Jünger nochmals Anlass, sich zumindest digital-verbal die Pulsadern aufzuschneiden und Kräuter-Ingwer-Tränen zu weinen. Warum? Weil wieder ein Stück Idealismus gestorben ist? Nein – weil es schmerzhaft ist, sich beim Selbstbetrug zu erwischen. Bionade war immer nur ein ganz normales Konsumgut und das jahrelange Trinken für eine bessere Welt nichts als kohlensäurehaltiger Ablasshandel.

Und dann noch ein Schock für überzeugte Grüngewissen, gewissermaßen ein Elektroschock: Eine Giganto-Studio hat jetzt herausgefunden, dass Autos, die mit Strom betrieben werden, gar nicht umweltfreundlicher sind als sparsame Benziner. Der wirklich unfassbare und nicht zu erwartende Grund dafür: Elektroautos sind nur dann gut für die CO2-Bilanz wenn auch der Strom für sie ohne CO2-Emission erzeugt wird. Hätten Sie dafür eine große Studie gebraucht? Die Überraschung über diese eigentlich selbstverständliche Tatsache war jedoch auch den sogenannten Qualitätsmedien von der Titelseite abzulesen. Die taz sprach sogar von der „Ökolüge“, nachdem sie sich selbst seit Jahren unreflektiert für Elektromobilität stark gemacht hat. Vielleicht sollte man bei der taz lieber mal wieder die eigenen Gehirne hochfahren – dann ist man auch nicht überrascht von der Erkenntnis, dass Strom nicht durch das Masturbieren von Hybridelfen in der Steckdose entsteht.

An dieser Stelle sollten auch gleich noch ein paar andere Mythen entzaubert werden, wer weiß, ob sich bestimmte Dinge im oben zitierten Milieu schon rumgesprochen haben: Nein, auch bei Bio-Fleisch leben die Tiere nach Verzehr leider nicht mehr. Nein, Fair-Trade-Kaffee löst allein nicht alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme Südamerikas. Und nein, Daumendrücken bei Facebook ist kein Protest gegen unser Finanz- und Wirtschaftssystem.

Was sagen uns all diese Beispiele? Dass auch der, der das Richtige will, nicht immer das Richtige tut? Dass auch das Gute nur ein gutes Geschäft ist? Vielleicht sagen sie einfach nur: Auch wer an etwas glaubt, sollte aufs Denken nicht verzichten. Denn die Kieselalge lehrt uns, dass Bio manchmal nur eine andere Art ist, zu sterben. Und die aktuellen Temperaturen hier bei uns zeigen: so ein bisschen Erderwärmung könnte manchmal gar nicht schaden.

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6 Antworten zu Von Prost!estkultur und Schwachstrom-Ökos

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  5. N aus Nordsüdpolar schreibt:

    Mal wieder sehr gut resümiert! Man muss sich eben immer bewußt sein: einen Tod muss man sterben bzw es ist nicht alles Gold was glänzt etc pp 😉

  6. gentlemenfarm schreibt:

    Excellent! Die Gentlemen Farm ist begeistert über diesen aufklãrerischen Artikel. Auch wir kennen diese Schizophrenie.

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