Atompathie und Kinderliebe

die neue Kolumne von Lisa Grenzebach

Die deutschen Bürger haben sich aus dem Fernsehsessel erhoben und leidenschaftlich gegen Atomkraft demonstriert. Sie waren dabei so erfolgreich, dass der Atomausstieg jetzt nach 2000 schon zum zweiten Mal beschlossen wird. Sicher ist sicher – und vielleicht klappt es ja diesmal. Das Überraschende: Im benachbarten Frankreich ist von einem nuklearen Umdenken nichts zu spüren, stattdessen wird eine Anlage nach der nächsten erneuert, es werden sogar neue Kraftwerke gebaut. Wenn es den altbewährten Meilern an den Betonkragen gehen soll, setzt westlich des Rheins statt Pariser Hektik eher korsisches Desinteresse ein.

Das ist verwunderlich: Denn Franzosen protestieren eigentlich für ihr Leben gern. Seit der französischen Revolution fühlen sie sich historisch-moralisch verpflichtet, selbst den kleinsten Widrigkeiten des Lebens mit Straßenblockaden und Transparenten zu begegnen bis diese sich wieder verziehen. Dafür beneiden die für gewöhnlich tranig-trägen Teutonen sie, auch wenn sie es niemals zugeben würden.

Wie kommt es also, dass beim Thema Atomkraft in Frankreich Egalité neuerdings mit Gleichgültigkeit übersetzt werden kann? Die einen führen Zeitprobleme als Erklärung an: Wenn sich Franzosen jetzt auch noch für einen atomaren Ausstieg einsetzen wollten, dann könnten sie ihren Job gleich kündigen. Wobei sie dann wiederum nicht mehr gegen eine spätere Rente demonstrieren müssten. Aber die eigene berufliche Restlaufzeit scheint den Franzosen irgendwie protestwürdiger zu sein, als die von ein paar Brennstäben.

Was sonst also hält die Franzosen vom Marsch auf die Meiler ab? Es sieht so aus als wäre es Nicolas Sarkozy, dem schnellen Brüter im Elysee-Palast gelungen, die hitzigen Aufwallungen seines Volkes mit einem raffinierten Kühlsystem in den Griff zu bekommen. Dabei sah es lange so aus als würden die Franzosen aus Ihrer Vergangenheit lernen und sich daran erinnern, dass kleine Männer in Frankreich nicht an die Macht gehören. Doch nun, da sie Nicolas und Nuklearkraft in einem Abwasch beseitigen könnten, lässt sich die Grande Nation von seinem billigen Polit-Entertainment einlullen.

Erst Gaddafi-Bashing in Libyen, dann die Strauss-Kahn-Zimmermädchen-Affäre und nun die Königsdisziplin: ein französisches Popstar-Präsidentenkind, das schon bald vom Balkon schreien wird. Ein perfektes Szenario: Carla Bruni sitzt auf einem mondänen Sessel, Nicolas beugt sich lächelnd über seine kleine Familie. Wenn er könnte würde er das Sakko zerreißen, eine Brust frei legen und die wehende Fahne Frankreichs durch den Saal tragen. Aber der Anblick des fürsorglichen Vaters wird reichen, um die Franzosen mit einem einstimmigen „Ohlala“ zu vereinen. Denn wenn unsere Nachbarn eines können und lieben, dann ist es Nachwuchs zeugen – das muss doch verbinden. Welcher Unmensch würde ein fürsorgliches Familienoberhaupt auf die Straße setzen? Deshalb darf Papa Sarkozy auch nach den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr auf eine Weiterbeschäftigung hoffen und braucht Anti-Atom-Demos nicht zu fürchten.

Wer aber wirklich verstehen möchte, wie weit der Atomausstieg in Frankreich von der Realität entfernt ist, muss sich folgendes klar machen: Das Wort „Atomausstieg“ existiert im Französischen nicht einmal. Man muss es wörtlich übersetzen, zum Beispiel mit: „Der Nuklearenergie den Rücken kehren – tourner le dos á l´énergie nucléaire.“ Das ist bezeichnend, denn normalerweise lieben unsere Nachbarn es, allem Neuen, einen französischen Namen zu geben oder es zumindest nicht akzentfrei auszusprechen. So werden Titel von Hollywoodstreifen umbenannt oder Harry Potter wird zu >>Arrrie Pohterrr<<. Also wer einer Sache lieber den Rücken kehrt, als sie beim Namen zu nennen, der hat geistig schon abgeschaltet, bevor er das erste Mal übers Abschalten nachgedacht hat.

Deshalb geht Sarkozy als Prophet der Nuklearenergie sogar noch einen Schritt weiter. Er möchte seine Gaben in der Welt verbreiten. Unter dem Slogan „Wir sind ganz sicher…die Teuersten“, möchte er auch dem Orient die frohe Botschaft der Kernkraft zu Teil werden lassen. Und das selbstverständlich nicht wegen der finanziellen Vorteile. Nein, lediglich aus dem inneren Wunsch heraus, dass auch Bewohner von Nicht-Industrieländern die Möglichkeit erhalten, Nächte lang im Internet zu surfen und dazu nicht extra nach Frankreich reisen müssen.

Man sieht: Es wird Zeit, dass die Franzosen in Sachen Protestkultur ausnahmsweise mal etwas von Deutschland lernen. Wir sollten mal bei einem kühlen Bier aus unserem von Photovoltaik gespeisten deutschen Kühlschrank auf die deutsch-französische Freundschaft anstoßen und unsere europäischen Lieblingsfreunde daran erinnern, dass vom Warten nur Wein und Käse besser werden. Und dass es auch für kleine, niedliche Präsidentenkinder schöner ist, wenn sie nur aus Freude strahlen. <>

Bisher nur ein frommer Wunsch der taz-Propagandaaufkleber-Redaktion: eine französische Anti-Atomkraftbewegung. (Foto: Pingu-Mania/Material: taz)

Lisa Grenzebach ist Frankreich-Korrespondentin von Pingu-Mania. Usprünglich vom hessischen Lande hat sie mittlerweile eine Affinität zu Großstadtlärm, Croissants und High Heels entwickelt. Sie lebt polygam in einer offenen Beziehung mit Paris und Berlin und ist deshalb unsere offizielle Paartherapeutin der deutsch-französischen Beziehungen.

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