Klick auf die Barrikaden: Protestsimulanten 2.0

JETZT GANZ NEU: die neue Kolumne!

In Nordafrika kämpfen Menschen für ihre Freiheit. In Tibet werden Mönche von der chinesischen Zentralgewalt tyrannisiert. Im Iran droht einer untreuen Frau die Hinrichtung. Doch damit nicht genug: Hunderte Tierarten sterben an den Folgen unserer Industrialisierung, die Atomlobby verscherbelt unser aller Sicherheit gewinnbringend und die Bürgerrechte in unserem Land werden still und heimlich immer weiter eingeschränkt. Und was ist eigentlich mit den Schwulenrechten in Uganda?

Wie begegnet man soviel Elend und Problemen in der Welt? Man kann verzweifeln. Man kann es machen wie die Ärzte, die in ihrem wegweisend-ehrlichen Song „Ignorama“ im Angesicht weiblicher Gesellschaft verkündeten: „Tod und Krieg auf der ganzen Welt, es könnt mir nichts egaler sein. […] Delfine im Thunfischsalat, wie gemein, doch es könnte mir nichts egaler sein“. Man kann sich aber auch einfach um all diese Probleme kümmern –  und zwar passend zum Zeitgeist ganz relaxt.

Diese verlockende Möglichkeit verdanken wir tugendhaften Nichtregierungsorganisationen wie Avaaz und ihren Onlineaktivitäten. Schon auf der Internetseite erwartet den interessierten Besucher eine vielfältige Auswahl an attraktiven Engagierangeboten. Wollen Sie Medienmogul Rupert Murdoch auf dem Weg zur Weltherrschaft stoppen? Wollen Sie Atomkraftwerke abschalten und die Energiewende erzwingen? Oder wollen Sie lieber einen politischen Gefangenen im Nahen Osten befreien? Kein Problem! Vorgefertigten Petitionstext überfliegen, Adressformular ausfüllen und auf „Absenden“ drücken.

Mit diesem unerhörten Akt der Auflehnung ist man gleichzeitig formal offizielles Mitglied der globalen Avaaz-Armee – und der Kampf gegen das weltweite Unrecht wird erst richtig komfortabel. Täglich bekommt man nun eine Mail mit einer knackig aufbereiteten Katastrophe, die man mit einem Mausklick stoppen kann. Das Interessante dabei: Engagement zu zeigen, ist mittlerweile genauso anstrengend, wie völlig teilnahmslos zu sein. Während man früher bei nasskaltem Nieselwetter im protestbuttonbestickten Parker ein schweres selbstgemaltes Transparent durch die Gegend schleppen musste, lümmelt man sich heute Latte schlürfend mit seinem W-LAN-Laptop auf der Couch und tut mit einem Finger Gutes: E-Mails gecheckt, Facebook gecheckt, Welt gerettet.

Das Ganze hat in unserer immer komplizierter werdenden Welt viele Vorteile. Die wahren Hintergründe von Konflikten und Problemen versteht ohnehin schon keiner mehr. Wo leben eigentlich die Uiguren und wogegen kämpfen die noch mal? Egal, Formular ist schon versendet. Engagement heißt, sich auch inhaltlich in eine Sache zu vertiefen? Schnee von gestern. Wenn mir iTunes und amazon täglich neue Lieblingssongs oder Bücher empfehlen, kann ich mir auch öfter mal von Avaaz eine hippe Minderheit vorschlagen lassen, die ich dann ganz sozial-medial aus ihrer Misere vote.

Vor nicht allzu langer Zeit genoss Second Life große Beachtung und Popularität – eine virtuelle Parallelgesellschaft, in der man sich abseits physikalischer, biologischer und gesetzlicher Sachzwänge mit seinem Wunsch-Ich ausleben kann. Der neue Trend dürfte eher „Second Help“ sein: Multimediales Pseudoengagement, das den Gefällt-mir-Daumen zur Black-Power-Faust verklärt und das in erster Linie nur einem hilft: dem eigenen schlechten Gewissen.

Wer sind eigentlich die Aktivisten dieser neuen Protestbewegung? Gelangweilte Jugendliche, die noch nicht einmal den Unterschied zwischen Petition und Petting kennen? Restbestände von Geisteswissenschaftstudenten aus der Zeit vor dem Bologna-Prozess? Oder in DAX-Konzernen beschäftigte Wutbürger beim Mittagspausen-Surfen? Mir egal, mein Postfach quillt über; dabei besitze ich doch schon nen Organspendeausweis, hab grad Geld an den NABU überwiesen und war vor einem halben Jahr Blut spenden. Ich bin erschöpft vom engagiert sein und irgendwie glaube ich auch, dass all die Tyrannen, Ausbeuter und Verbrecher dieser Welt zu ihrem Schutz mindestens einen guten Spamfilter haben und nicht mehr dran glauben, dass sie sterben, wenn sie einen Kettenbrief nicht beantworten.

Also: Wer rettet mich endlich vor diesen nervigen und verlogenen Online-Weltrettern?
Ah, da ist ja die Mail…Klick!

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4 Antworten zu Klick auf die Barrikaden: Protestsimulanten 2.0

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