Unterirdisch im Kopfbahnhof – Bilanz eines Wahlabends

Als die Grünen schon ihren Ministerpräsidenten feierten und Stefan Mappus sich selbst zum neuen Oppositionsführer ernannt hatte, wurde es noch einmal spannend. Der Erdrutsch, die Zeitenwende, der politische Urknall, das Requiem auf Merkel und Westerwelle all das wäre um ein Haar abgesagt worden, wegen ungenauer Hochrechnungen. Denn nachdem für Gegner der Atomkraft und subterraner Bahnhöfe zunächst alles im grünen Bereich war, bei der Verkündung der ersten Prognose zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, drohte plötzlich der, Verzeihung, politische Super-GAU. Einen Landtagssitz Vorsprung hatte die grün-rote Koalition der Willigen noch, da referierte irgendein Wahlforschungsgruppenleiter im ZDF, dass jetzt noch drei Überhang- oder Ausgleichsmandate zu vergeben seien und damit das Ergebnis noch komplett kippen könne. ARD-Tortendiagrammkonditor Jörg Schönenborn fasste das Ganze kurz darauf in einen plebiszitär-polemischen Cliffhanger zusammen: „Meine Damen und Herren, das wird hier plötzlich spannender als wir zunächst dachten, sie müssen auf jeden Fall heute ganz lange Fernsehen gucken, um zu wissen, wie es ausgeht.“

Wir können alles, außer Hochrechnung, oder was? Natürlich, kann sich zwischen einer Prognose, einer Hochrechnung und einem amtlichen Endergebnis noch etwas tun, deswegen heißen die ja so. Aber vielleicht könnten die öffentlich-rechtlichen Wahlbegleiter ihre vorproduzierte Sensationshyperventilation ja so lange zurückhalten, bis die dazugehörigen Fakten auch tatsächlich eingetreten sind. Sie können ja mal bei Andrea Ypsilanti, Edmund Stoiber oder Schalke 04 nachfragen, wie blöd man dasteht, wenn man zu früh einen Erfolg feiert.

Aber ARD und ZDF haben neuerdings Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel die Social-Networks und überhaupt das Web 2.0 ins Programm einzubinden. Wie das funktioniert? Nun, der letzte Schrei ist dieser: Man filmt facebook-Posts zum Wahlergebnis ab und liest sie dabei vor. Da kann man nur ehrfürchtig sagen: gefällt mir!

Insgesamt zeigen die Fernsehbilder jedoch vor allem eines: So ein Wahlabend könnte ja ganz unterhaltsam sein, wenn da nicht die ganze Zeit diese Politiker wären. Dass alle Seiten Ergebnisse irgendwie für sich deuten und sich im Notfall einfach über die Probleme des Gegners freuen, kennt man ja schon. Aber kann es sein, dass die Realitätsverweigerung, die in den Statements zum Ausdruck kommt, mittlerweile matrixmäßige Züge angenommen hat? Wie anders ist zu erklären, dass SPD-Generalsektretärin Andrea Nahles fröhlich vor sich hinpalaverte, statt sich aus Verzweiflung mit den hingehaltenen Mikros die Pulsadern aufzuschneiden. Schauen, wir uns das SPD-Ergebnis im Ländle doch mal ernsthaft an: Die CDU stand hier unter Druck wie nie, es gab polarisierende Themen ohne Ende und zudem in vielen Schichten eine wirklich substantielle Wechselstimmung, das alles moderiert von einem Ministerpräsidenten Mappus, der wirkt wie ein demokratischer Dorfdiskotürsteher. Und in diesem Umfeld schafft es die SPD allen Ernstes, sich gegenüber ihrem letzten Desaster noch einmal zu verschlechtern. So ein Ergebnis heißt übersetzt: SPD 21, die Partei kann sich einbuddeln, kein Schwein braucht sie mehr. Doch stattdessen freut man sich über einen Wechsel, den man nicht begünstigt hat, über das schlechte Abschneiden, der im Süden ohnehin nicht vorhandenen Linken, über den Frühling, das Leben und die Liebe.

Und als man gerade denkt, es geht nicht mehr schlimmer, tritt Nils Schmid auf, pubertätsgesichtiger Spitzenkandidatenimitator der SPD in Baden-Württemberg. Während man sich unterbewusst fragt, warum er sich im Angesicht seines Stimmendesasters nicht einfach still und heimlich nach Übersee abgesetzt hat, lässt der Nils wissen, das er in der kommenden grün-roten Koalition „die Stimme der wirtschaftlichen Vernunft“ sein werde. Und auf die durchsichtige Frage des Moderators, was denn sein Traumberuf sei, antwortet er allen Ernstes mit „Ministerpräsident“. Das Schlimmste daran: er meint das nicht ironisch, er meint auch nicht „irgendwann mal“, er hofft wirklich, dass sich die Hochrechner auch bei seinem Ergebnis vertan haben. In diesem Moment weiß man: Schlimmer als Mappus geht vielleicht doch. Und: für manche Politpappnase ist selbst das schlechteste Ergebnis aller Zeiten immer noch viel zu viel.

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Eine Antwort zu Unterirdisch im Kopfbahnhof – Bilanz eines Wahlabends

  1. Axel schreibt:

    Liebe Freunde der Demokratie,

    gestern Abend: Demokratie live oder Tucholsky sacht wie es ist.

    Baden-Württemberg wählt eine grün-rote Landesregierung. Dies geschieht in dem Glauben, dass diese Stuttgart 21 verhindern und schnell aus der Kernkraft im Ländle aussteigen (ob das sinnvoll ist oder nicht, sei hier mal nicht diskutiert, die Leute, „der Wähler“ wollten das, dafür ist der Urnenpöbel zur Wahl gegangen). Dann das erste Interview mit dem „neuen und ersten grünen Ministerpräsidenten Baden-Württemberg

    http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt2970.html ab ca. 3.30 Min.

    Thema schneller AK-Ausstieg: „Der Ball liegt in Berlin“, „wir müssen debattieren“, „sehen was möglich ist“, „gleichzeitig das Klima schützen“ „schneller als bisher geplant“ (bisherige Planung von Mappus 60 Jahre).

    Stuttgart 21: „wir müssen debattieren“ „dann sehen wir weiter“, Volksentscheid vielleicht.

    Klartext: AK-Ausstieg am St. Nimmerleinstag, Stuttgart 21 wird gebaut, der Wähler kann uns mal.

    Wieder fertigt sich mein Eindruck, die Wählerei bring nix, gar nix (Tucholsky: „Wenn Wahlen etwas ändern würden, dann wären sie verboten“).

    Wir können wählen wen wir wollen, das Programm wird durchgezogen, mal mit schwarzem, mal mit grünem Mäntelchen, das ist der einzige, jedoch irrelevante Unterschied. Wer etwas ändern will muss auf die Straße, und solange da bleiben, bis die gewünschten Ziele umgesetzt sind, wer sich auf Wahlen oder „Schlichterverfahren“ oder sonstige „repräsentative Verfahren“ verlässt, ist von allen guten Geistern verlassen. Die „Repräsentanten“ bekommt man schon in den Griff (besonders die Grünen, die seit über 20 Jahren in Parlamenten, Landes- und Bundesregierungen gegen die Atomkraft „kämpfen“ — schönen Dank.)

    Völlig fassungslos und nunmehr gänzlich desillusioniert grüßt

    Axel

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