Wie perfide – die Schülersprecherin der Nation

die neue Kolumne von SvePe Dehmel

Liebe Judith Holofernes,

ich fand dich immer cool. Nein, ich finde dich immer noch cool. Ich mag die Musik deiner Band, fand die antikonsumistische („Guten Tag“) und industriekritische Grundhaltung („Zuhälter“) von Anfang an glaubwürdig und konnte beim SPIEGEL immer wieder nachlesen und -vollziehen, wie man trotz großen Erfolgs witzig und ironisch bleibt. Es war also – wie die Jugend heut’ sagt – „… alles gut“.

Und nun glaube ich, es hackt: Die BILD linkt dich ab. Und das mit Ansage. Und das, ohne dir oder einer von dir okayten Stiftung 10.000 EUR zu überweisen – und zwar netto. Du lässt dich von der BILD-Zeitung derart instrumentalisieren – und das wie gesagt noch kostenfrei – dass ich im ersten Moment an einen kleinen vielleicht wieder mal ironischen Witz denken musste. Was ist los bei dir und deiner sonst recht „pfiffigen“ Truppe?

Du sagst, es gibt kein „Gutes im Schlechten“? Natürlich nicht – und das weiß doch längst jeder. Aber leider gibt’s auch nichts Schlaues im Dummen. Du bist Teil der aktuellen BILD-Kampagne geworden und das nicht durch Zufall oder weil irgendwelche Praktikanten der betreuenden Agentur einen Brief geschrieben haben, um mal zu sehen, wie die Helden so reagieren oder was sonst so passiert.

Nein, du bist jetzt Teil des konsequent gestalteten BILD-Universums und wie du denen mal die Meinung geigst („hört, hört“) ist Teil des Plans. Nennen wir ihn mal einfach perfide. Aber eben auch einfach zu durchschauen.

Die Werbeagentur Jung von Matt hatte offensichtlich den echten Auftrag, euch für einen Teil der aktuellen BILD-Kampagne zu gewinnen – erstaunlich nur, dass dies so einfach funktionierte. Dass du und deine Band sich nicht in schwarz-weiß auf einem Plakat ablichten lässt, zusammen mit einem zusammengestokelten und mit Edding hingekritzelten generischen Zitat ist doch wirklich jedem sonnenklar. Weder BILD noch die betreuende Agentur ist jemals davon ausgegangen, dass ihr das Gleiche machen werdet wie Marius Müller-Westernhagen (!), Til Schweiger (!!) und vor allen Dingen Veronica Ferres (!!!) – ja, die Lebensgefährtin vom Checkpoint Charlie.

Weder die BILD noch Jung von Matt wären da, wo sie sind, wenn sie so naiv wären, zu glauben, dass du und deine Band in bester – wie heißt der blonde Tattoo-Typ mit Gitarre doch gleich? – Mucker-Manier für sie werben würdet. Allen ist doch klar, dass ihr – anders als Sarah Connor – nicht findet, „dass Bild rrrockt! (grins)“.

Also musste ein Haken geschlagen werden, ein einzelner, billiger und vor allen Dingen offensichtlicher nur, damit man dich und deine Jungs für die BILD bekommt. Und ab da wird das Ganze wirklich problematisch. Wenn auch nicht für die BILD. Für die war’s ganz einfach.

Denn BILD hat nicht nur das bekommen, was sie wirklich wollten – deine ehrliche, lange Auseinandersetzung mit dem Medium – sondern auch noch den Spitzenplatz auf eurer eigentlich ganz hübschen Band-Homepage, eine Top-Story im SPIEGEL und ein – wenn auch sehr schlecht vorbereitetes – Interview + Anzeige in der „taz“. So werden sie mal wieder ganz nebenbei provokativ-kritischer Teil einer gefühlt-linken Gegenöffentlichkeit. Mit dir als Testimonial. Also genau wie Guido Cantz – nur halt für Leute, die Guido Cantz nicht kennen wollen.

Das Publikum, das BILD mit dieser Aktion auch mit eurer Hilfe erreichen wollte, weiß doch, dass BILD „kein augenzwinkernd zu betrachtendes „Trash- Kulturgut“ und kein harmloses „Guilty Pleasure“ für wohlfrisierte Aufstreber“ ist. Das ist doch wirklich nicht Neues. Und die BILD-Kampagne hat auch nicht in „seltener Manier so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt“. Die Kampagne ist – wenn auch handwerklich okay gemacht – eine normale BILD- Kampagne, wie sie seit Jahren („auf Hanfpapier gedrrrrruckt“) Teil des BILD-Markenauftritts ist und funktioniert mit so viel Dummheit, wie jeder halt zulässt. Schade nur, dass die Dummheit auf eurer Seite dazugehören musste.

Dein ausführliches „gegenöffentliches“ Statement hätte die Agentur dir nicht besser – vor allen Dingen nicht preisgünstiger – vortexten können. Du hast doch bereits im ersten Semester an der HdK gemerkt, dass es in erster Linie darum geht, „Menschen zu manipulieren“. Ja, wahrscheinlich schon. Aber warum hast du es dann dieses Mal so augenscheinlich mir dir machen lassen. Du watscht nicht die BILD ab, wie der SPIEGEL selbstgefällig schreibt. Die BILD watscht dich ab.

Mensch Judith, BILD hat dich richtig drangekriegt, gib’s doch einfach zu. Ist auch nicht so schlimm. Nur mach’ es nicht noch schlimmer.

Lass’ dich als unsere Generationen-Schülersprecherin doch nicht von den populistischen Schnöseln provozieren und vorführen. Du bist doch eigentlich cool, oder? Ich finde jedenfalls schon.

SvePe Dehmel ist Medienwissenschaftler, Spielzeugsammler und findet Apple nicht gut. Er schreibt den Geisterfahrer – und findet das normal.

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3 Antworten zu Wie perfide – die Schülersprecherin der Nation

  1. Matze schreibt:

    Wie Apple nicht gutfinden? Nur weil du es nicht schaffst, ne Playlist in Itunes anzulegen?

  2. guns n. brenner schreibt:

    Recht so, Geisterfahrer svepedeh. Bernd Begemann hatte halt recht: Judith, mach deinen Abschluss (sicher ist sicher)!

  3. Axel schreibt:

    Spitze, es wird Zeit, das pingumania eine größere Öffentlichkeit bekommt.

    Vielleicht denken wir mal darüber nach, wie man das machen könnte.

    Grüße von neben der Buchhaltung sendet

    Axel

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