Akte Nix – die unheimlichen Fälle der USA

ein Essay unseres Geheimdienstexperten Eric Mylke

Als im Frühjahr 1945 Nazideutschland zusammenbrach, nahmen die Amerikaner einiges mit, was sie gut gebrauchen konnten: Düsenflugzeuge, Raketenprototypen und Spitzenwissenschaftler, die später die Grundlage des Mondprogramms bilden sollten. Seit Sonntag Abend wissen wir nun, dass die USA auch beim Zusammenbruch der DDR trümmerfrauenartig aktiv waren: Sie nahmen die Stasi mit und bauten sie direkt in ihr Außenministerium ein.

Diese Erkenntnis verdanken wir der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, eigentlich jedoch den unerschrockenen Online-Petzen von WikiLeaks, die über 250.000 Akten aus dem State Departement und Botschaften in aller Herren Länder veröffentlicht haben. Auf den ersten Blick steckt darin alles, vom Kaffeeklatsch bis zur Kriegsvorbereitung. Doch ist das ganze wirklich so ein Skandal, ein diplomatisches Erdbeben, ein „11. September der Diplomatie“, wie SPIEGEL ONLINE es tags darauf polemisch-poetisch formulierte?

Wenn man zum Beispiel hört und liest, dass US-Diplomaten unseren Außenminister Westerwelle als inkompetent, geltungssüchtig und aggressiv, CSU-Chef Seehofer als unberechenbaren Populisten mit begrenztem Horizont und unsere Kanzlerin als beharrlich aber ideenlos bezeichnen, so kann man nur sagen: soviel inhaltliche Präzision, Sachlichkeit und Objektivität war selten in der politischen Analyse. Andere werden gar fragen: Brauchen wir wirklich amerikanische Diplomatenakten, um uns zu erzählen, was wir ohnehin jeden Tag aus erster Hand erfahren?

Freunde des boulevardesken in der Politik kommen da schon eher auf ihre Kosten. So erfährt man zum Beispiel, wie deutsche Spitzenpolitiker über sich selbst denken und über andere reden. So sagte laut Akten zum Beispiel FDP-Winzerkönig Rainer Brüderle bei der schon etwas zurückliegenden Ernennung von Sonnyboy zu Guttenberg zum Wirtschaftsminister, die CSU sei wohl froh, überhaupt noch jemanden zu finden, der lesen und schreiben könne. Diese Einschätzung mutet beim derzeitigen Popularitätsgrad des Freiherrn schon komisch genug an. Geradezu lächerlich wird sie jedoch, da sie mit Brüderle von einem Menschen stammt, der selbst nicht einmal richtig Deutsch spricht.

Sehr gut Deutsch spricht hingegen bekanntermaßen Gregor Gysi. Dieser wird in den Diplomaten-Dokumenten mit der Selbsteinschätzung zitiert, nur seinem ausgleichenden Naturell sei es zu verdanken, dass seine Partei „Die Linke“ gesamtdeutsch funktioniere. Außerdem verriet er den US-Gesandten, „Die Linke“ wolle künftig den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt stellen. Dies führte im Außenministerium und bei der CIA nach Pingu-Mania-Recherchen zur sofortigen Gründung eigener Arbeitsgruppen, die Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren zunächst lokalisieren und anschließend auf das Vorhandensein von Al-Qaida-Strukturen untersuchen sollen. Auch konkrete Putsch-Pläne und die Installation einer militärischen Marionettendiktatur in der Hauptstadt Magdeburg sollen bereits vorbereitet werden, denn mit sozialistischen Regierungen in Schwellenländern haben die USA schon in Südamerika schlechte Erfahrungen gemacht. Eines übrigens offenbarte Gregor Gysi, der immer wieder mit Stasi-Vorwürfen konfrontierte Polarisier-Politiker nur Pingu-Mania: „Ich fühle mich geehrt, in den US-Unterlagen so umfangreich zitiert zu werden. Aber wenn die Amis wüssten, was ich über die alles für Akten angelegt habe…“

Bei allem Amüsement über die Nähkästchenplaudereien unserer Polit-Protagonisten – die diplomatische Datenpanne wirft Fragen auf, die von globaler Bedeutung und gleichzeitig unmittelbar beängstigend für jeden Einzelnen sind: Gibt es überhaupt noch sichere Daten oder ist die Frage nur noch, wer sie zuerst sieht? Sind wir bereits alle gläserne Menschen, die nicht mehr unbemerkt mit Steinen schmeißen können? Welche Enthüllung drohen noch: Werden demnächst vielleicht Kundenlisten polnischer Penisverlängerungspraxen und sizilianischer Silikonimplantierer veröffentlicht? Und überhaupt: ist WikiLeaks ein Robin Hood der Rechenzentren, der den Reichen ihre Daten stiehlt und den Armen so ihre Illusionen? Oder sind es nur sadistische Serverspione, die Worte wie „Datenschutz“ und „Privatsphäre“ auch noch vom Back-up der Geschichte löschen wollen?

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie mit WikiLeaks Gründer Julian Assange verfahren wird. Seit einem Aufenthalt in Schweden wird er, mittlerweile sogar von Interpol, wegen Vergewaltigungsvorwürfen gesucht. Ein abgekartetes Spiel? Eine femme-fatale-Falle? Vielleicht werden wir es nie erfahren, denn nach Informationen von Pingu-Mania sollen die schwedischen Behörden schon wieder deutlich zurückgerudert sein. WikiLeaks hatte für den Fall weiterer Ermittlungen mit der Veröffentlichung von 300.000 Geheimakten zum Sexskandal des schwedischen Königs Carl Gustaf gedroht.

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