ARD-Themenwoche „Ernährung“ – eine mediale Kalorienbilanz

Du bist, was Du isst. Über diese gastronomisch-philosophische Grundweisheit herrscht eigentlich allgemeiner Konsens. Die ARD wollte es jedoch genauer wissen und erfreute uns seit letztem Wochenende mit der Themenwoche „Essen ist Leben“. Ob Samstagabend-Show, Talk oder Tatort, alles war gesamtthematisch gleichgeschaltet, protein-pädagogisch angereichert und versprühte folglich den entspannten Esprit einer Nährwerttabelle.

Doch wie war es um den Informationsgehalt des opulenten Programm-Buffets bestellt? Den Auftakt bildete eine echte Belastungsprobe für empfindliche Mägen – denn Beckmann begann montags bereits um 20:15 Uhr. Zwischen Tischen voll Brot und Brokkoli erfuhr man hier, dass der Vorsitzende der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie und Thilo Bode von foodwatch sich nicht mögen und dass Schinken, der aus Fleisch aus dem Schwarzwald hergestellt wird NICHT Schwarzwälder Schinken heißen darf. Dazwischen wurstelte unsere Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, die ihrem Titel alle Ehre macht und die Nahrungsmittelindustrie immer wirksamer vor den Wünschen der Verbraucher schützt.

Nächster Versuch am Dienstag bei Sandra Maischberger. Zwei Frauen dominieren das Gespräch: Starköchin Sarah Wiener, die beim Thema Ernährung nichts von wissenschaftlichen Studien hält und nur an den gesunden Menschenverstand glaubt. Dass sie selbst noch über einen solchen verfügt, durfte man im Angesicht ihrer fundamentalistisch-naiven Phrasen aber getrost bezweifeln. Dazu Francoise Wilhelmi de Toledo. Was klingt wie eine Gourmet-Expertin mit Stopfleber-Kompetenz entpuppte sich als esoterische Fastenschnepfe vom Bodensee, die sich ebenfalls ungern mit Wissenschaft beschäftigt und stattdessen lieber ihr Chi mit Grünkernen auspendelt. In ihrer Entschlackungsklinik, so konnte man ahnen, nimmt vermutlich in erster Linie die Geldbörse der Patienten kräftig ab.

Als reichhaltige Beilage zum Talk-Einheitsbrei wurden zum Glück täglich Dokus und Reportagen mit Gruppen-Experimenten serviert. Eine Familie kocht nur noch selbst und ist überrascht vom daraus resultierenden Zeit- und Gewichtsverlust. Eine andere erfährt, dass selbst in Europa Gemüse sehr umweltfeindlich produziert wird und steht plötzlich vor der Frage: schuldhaft essen oder tugendhaft verhungern?

Wie also sieht sie aus, die richtige Ernährung? Als Fazit der schwer verdaulichen ARD-Info-Überdosis bleibt gefühlt auch nicht mehr, als Mark Twain schon vor über hundert Jahren wusste: „Wasser, in Maßen genossen, ist unschädlich.“

Übrigens: Trotz programmatischer Überfütterung haben wir in der Themenwoche eine Sendung vermisst, die das ganze Spektrum abgerundet hätte. Gut, dass es sie jetzt vom ZDF auf DVD gibt:


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3 Antworten zu ARD-Themenwoche „Ernährung“ – eine mediale Kalorienbilanz

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  3. gert rude schreibt:

    ein wurst käs szenario!!!

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