Ganz unten – eine Reportagereise durch Süddeutschland, Vol. 2

Teil 2: München auf Lunge – wie ein Marathon
unseren Reporter fast zur Strecke brachte

Einen Marathon läuft man, wenn man körperlich gut trainiert oder mental in der Krise ist, idealerweise beides. Unser Sport-Redakteur Martin K. ist weder das eine noch das andere und hat dennoch im Rahmen unserer Süddeutschland-Reportage am 25. München Marathon teilgenommen – als Schlussläufer einer Marathon-Staffel. Unerschrocken, untrainiert und unzensiert – ein Erlebnisbericht, der den Meniskus höher schlagen lässt:

Kilometer 35: Ein paar hundert Meter sind geschafft. Gerade eben habe ich den digitalen Staffelstab übernommen. Jetzt frage ich mich, ob ich mich nicht eher selbst übernommen habe. Ich stehe am Anfang meiner Strecke, mein Puls ist dafür bereits am Anschlag.

Kilometer 36: Ich habe mein Tempo gefunden. Mit grenzenlosem Optimismus kann man es als „moderat“ bezeichnen. Wenn ich an einem der Marathon-Läufer (die bereits wirklich 36 Kilometer in den Beinen haben) vorbeilaufe, dauert es ungefähr so lange, als würde auf der Autobahn ein Autotransporter-Truck einen Betonmischer-Truck überholen.

Kilometer 37: Ein Mann im Dirndl steht an der Strecke und reicht mir ein Weißbier. Ich muss Wahnvorstellungen als Folge von Dehydrierung und Erschöpfung haben. Ich weiche der Fata Morgana aus, erst dann fällt mir auf, dass es sich um einen ganz normalen Bier-Promotion-Stand handelt und ich erst knapp drei Kilometer gelaufen bin. Mein Hals fühlt sich plötzlich sehr trocken an.

Kilometer 38: Unsicherheit packt mich: Soll ich an die Kilometer denken, die ich bereits geschafft habe oder an die, die noch vor mir liegen? Dann der Schock: Ich sehe einen humpelnden Läufer mit Rasta-Frisur, der mir bereits beim Vorbeihinken an meinem Übergabepunkt aufgefallen war. Er hat ein leidendes Gesicht und bewegt sich wie ein angeschossener Soldat in einem kritischen Hollywood-Kriegsfilm. Aber das Schlimmste ist: Ich habe fast 4 Kilometer gebraucht, um ihn einzuholen.

Kilometer 39: In mir steigt Ärger auf, weil es sich nicht um Kilometer 40 handelt.

Kilometer 40: Ich hasse das Markierungsschild, weil es sich nicht um Kilometer 41 handelt. Außerdem frage ich mich, warum ich Idiot nicht über verbotene leistungssteigernde Substanzen nachgedacht habe.

Kilometer 41: Verbales Doping beflügelt mich. Ein heiterer Sprecher mit angenehm bayrischem Akzent verkündet „Nur noch 1.200 Meter“ und wiederholt dieses alle zwei Sekunden. Das Problem: Man hört ihn schon deutlich vor und noch lange nach der Markierung. So laufe ich mehrere Minuten, während mir der Sprecher sagt, dass ich nicht vorankomme.

Kilometer 42: Ich bin bereits im Olympiastadion. ICH LAUFE TATSÄCHLICH IN DAS OLYMPIASTADION EIN! Ich winke meiner Familie und meinen Freunden und werfe Handküsse auf die Tribüne. Dann werfe ich mich selbst auf die Tartanbahn.

Ziel: Ein freundlicher Mann in Tracht und mit Gamsbart hängt mir die fünf Medaillen für mein Team um. Auf Küsschen-links-Küsschen-rechts verzichtet er. Ich betrete nun den heiligen Rasen, auf dem sich die angekommenen Läufer sammeln und der aussieht wie eine Mischung aus Flüchtlingslager und Volksfest. Ich fühle mich eher nach ersterem. „Ich habe einen Marathon beendet“ werde ich künftig auf Partys sagen können und dabei gern verschweigen, dass ich ihn nicht ganz am Start angefangen habe.

Auf dem Marathon-Rasen ist es wie auf der Oktoberfest-Wiesn: Es gibt Weißbier und keiner kann mehr richtig laufen.

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